Schweißrauchbelastung Interview mit Geoff Melton

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC ) hat kürzlich die Monographie 118 veröffentlicht. Hierin wird Schweißrauch als Krebserreger der Gruppe 1 eingestuft – ein Thema, welches die gesamte produzierende Industrie rege beschäftigt. Auch Fronius geht dem Ganzen auf den Grund. Im Zuge dessen konnten wir Geoff Melton, den Vorsitzenden der Kommission für Arbeits- und Gesundheitsschutz des International Institute of Welding (II W) und Experten für Lichtbogenschweißprozesse, für ein Interview gewinnen.

Herr Melton, was hat Ihrer Meinung nach die IARC - eine Institution der WHO - veranlasst, das Risikoniveau von Schweißrauch neu einzustufen?

Die IARC ist ein Expertengremium, das alle veröffentlichten Informationen zu diesem Thema untersucht hat, darunter Expositionsdaten, Studien über Krebs bei Mensch und Tier, mechanistische und andere Daten. Basierend auf "substanziellen neuen Erkenntnissen" kamen sie zu dem Schluss, dass alle Schweißrauchpartikel, unabhängig von der Zusammensetzung, von "möglicherweise krebserregend für den Menschen" (Gruppe 2B) auf "krebserregend für den Menschen" (Gruppe 1) hochgestuft werden sollten.

In der Vergangenheit war es schwierig, die Auswirkungen von Schweißrauch von denen anderer Belastungen wie zum Beispiel Asbest oder Zigarettenrauch zu unterscheiden. Aber jetzt wurden auch nach der Bereinigung um die Belastung durch andere Stoffe positive Assoziationen zwischen Schweißrauch und Krebs gefunden. Folglich kamen die Mediziner der IARC zu dem Schluss, dass es „ausreichende Beweise“ dafür gibt, dass Schweißrauch beim Menschen bestimmte Arten von Krebs auslösen kann.

Könnte dies zu Einschränkungen oder gar einem vollständigen Verbot der Schweißrauch-Exposition führen?

Die IARC untersucht die Beweise und zieht Schlussfolgerungen über das Krebsrisiko gewisser Substanzen. Die Organisation definiert keine Grenzen oder erlässt verbindliche Vorschriften. Es liegt in der Verantwortung anderer internationaler und nationaler Stellen, die Schlussfolgerungen zu prüfen und Grenzwerte für die Exposition festzulegen, innerhalb derer weiter geschweißt werden kann. Da die Grenzwerte jedoch herabgesetzt werden, wird die Expositions-Kontrolle schwieriger. Die konkrete Handhabung ist unterschiedlich: Einige Länder haben Arbeitsplatzgrenzwerte für Schweißrauch, andere kontrollieren den Rauch durch individuelle Grenzwerte für die Zusammensetzung, zum Beispiel Chrom, Nickel und Mangan.

Bei all den Diskussionen sollte uns bewusst sein, dass einige andere gängige Stoffe wie zum Beispiel Dieselmotordämpfe von der IARC ebenfalls als krebserregend eingestuft werden. Diese Stoffe sind nicht verboten, aber es gibt empfohlene Grenzwerte.

Wie wirken sich diese neuesten Entwicklungen auf Ihre Arbeit im IIW aus?

Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass IARC-Publikationen Schlussfolgerungen auf Grundlage der untersuchten Beweise ziehen, jedoch keine juristischen Dokumente sind. Die Monographie 118 ist aber ein sehr wichtiges Dokument, und wir müssen es prüfen und entsprechend reagieren. Die Schweißindustrie schaut auf das IIW als Orientierungshilfe. Deshalb bereiten wir eine neue Erklärung zum Krebsrisiko von Schweißrauch vor, die noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll.

Mitglieder des IIW werden Schweißrauch weiterhin überprüfen und erforschen, um ein besseres Verständnis zu erlangen. So wollen wir Maßnahmen ergreifen können, um die Auswirkungen dieser Erkenntnisse zu reduzieren. Ein Beispiel für nähere Untersuchungen ist die Bildung von sechswertigem Chrom im Schweißrauch: Es ist ein Karzinogen, dessen Mechanismus wir noch nicht vollständig verstehen.

Das IIW hat noch keine offizielle Erklärung abgegeben. Was wäre Ihre persönliche Empfehlung?

Ich denke, es ist bereits gelebte Praxis, die Rauch-Belastung für Schweißer so gering wie möglich zu halten. Es gibt eine Hierarchie von Maßnahmen zur Reduzierung der Exposition: von der Minimierung der aus dem Prozess entstehenden Rauchmenge über die Verwendung von Rauchabzugsgeräten bis hin zum Tragen von Atemschutzgeräten. In einigen Ländern wurde bisher der Rauch aus hochlegierten Stählen besser reglementiert als der aus anderen Legierungen. Die Botschaft ist nun, dass jede Form von Schweißrauch gleich behandelt werden sollte.

Wie können Hersteller von Schweißanlagen auf die Minimierung von Schweißrauch Einfluss nehmen?

Der größte Teil des Schweißrauchs stammt aus dem Zusatzwerkstoff, so dass Weiterentwicklungen bei den Zusatzwerkstoffen die Menge und Zusammensetzung des aus dem Prozess emittierten Rauchs reduzieren können. Aber auch die Kontrolle des Lichtbogens durch die Stromquelle ist wichtig. Im Allgemeinen erzeugt ein stabilerer Lichtbogen weniger Rauch, und eine genauere Steuerung des Lichtbogens durch die Stromquelle sorgt für diese Stabilität. Der größte Teil des Rauchs wird durch Verdampfung aus dem geschmolzenen Tropfen erzeugt – die Steuerung der Schweißparameter zur Minimierung der Temperatur des geschmolzenen Tropfens hat somit einen Einfluss auf die Rauchgasemission.

Dennoch ist Schweißrauch immer bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich. Aus diesem Grund bieten wir eine breite Palette von Produkten wie Schweißhelmen mit Frischluftzufuhr und Absaugbrenner an. Aber nicht jeder benutzt diese. Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich denke, dass Absaugbrenner einen schlechten Ruf haben. Es gibt Bedenken, dass sie das Schutzgas stören und so einen schlechten Einfluss auf die Qualität der Schweißnähte haben. Außerdem waren die ursprünglichen Bauarten schwer und sperrig. Hersteller wie Fronius müssen ihre Kunden davon überzeugen, dass die neue Generation von Absaugbrennern eine gute Alternative zur lokalen Absaugung ist.

Gibt es für Equipment-Hersteller noch mehr Möglichkeiten, die Sicherheit zu erhöhen?

Der beste Schutz besteht darin zu verhindern, dass Schweißer dem Rauch am Ursprung ausgesetzt werden. Mechanisierung und Robotik können daher eine wichtige Rolle spielen.

Unser Unternehmen ist bereits gut positioniert, was Roboterschweißsysteme und Automatisierung betrifft. Dennoch gibt es immer noch viele Handschweißer auf der ganzen Welt, und das wird sicherlich auch weiterhin der Fall sein. Was können wir tun, um diese Menschen zu schützen?

Das Wichtigste ist, die Schweißer für die Gefahren zu sensibilisieren, denen sie ausgesetzt sind. Wir müssen uns in der Ausbildungsphase stärker engagieren und die Trainer von Anfang an bestmöglich über etwaige Gefahren informieren. Dies ist der beste Weg, um junge Schweißer zu erreichen und sicherzustellen, dass Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen sowohl in der Theorie als auch in der Praxis umgesetzt werden. Mein persönliches Gefühl ist, dass die Schweißer tatsächlich sehr gut mit dem Thema vertraut sind. Junge Schweißer erkennen bereits die Gefahren und bestehen auf entsprechende Sicherheitsmaßnahmen.

Für Fronius, wie auch für andere Hersteller, besteht neben der Entwicklung verbesserter Rauchgasregelungsmethoden immer noch die Notwendigkeit, Schweißprozesse zu verfeinern, um weniger Rauch an der Quelle zu erzeugen.

Signalisiert die IARC-Monographie 118 das Ende der Schweißindustrie?

Nein, definitiv nicht. Wir sind uns seit vielen Jahren darüber bewusst, dass Bestandteile des Schweißrauchs krebserregend sein können und verfügen über gute Systeme zur Verminderung der Schweißrauchbelastung. Diese neue Klassifizierung durch die IARC unterstreicht die Notwendigkeit, weiterhin neue Ansätze und Systeme zu entwickeln, um die Belastung der Schweißer durch Rauch auf ein Minimum zu beschränken.

Unsere oberste Priorität muss es sein, das Risiko kontinuierlich zu reduzieren. Ich glaube, dass wir auf diese Weise die langfristige Zukunft der Branche sichern können.

Geoff Melton: Seit seinem Abschluss in Physik und Elektronik an der Universität von St. Andrews in Schottland arbeitet Geoff Melton in der Forschung und Entwicklung im Bereich Schweißen – seit nun fast 40 Jahren. Er ist Technologiemanager bei TWI in Cambridge, Großbritannien, und Vorsitzender der Technischen Kommission VIII für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt des International Institute of Welding (IIW). Die Empfehlungen des IIW haben großes Gewicht bei der Erarbeitung nationaler und internationaler Vorschriften – etwa für das Thema Schweißrauch.